Vielfalt – das ist ein Kennzeichen deutscher Zigarillos. Und Vielfalt ist auch der vielleicht einzige gemeinsame Nenner, denn in ihrer Ausprägung stehen hier zahlreiche Ideen nebeneinander: klassische Brasil- und Sumatra-Mischungen, reine 100%-Tabak-Linien, aromatisierte Filterzigarillos und vieles mehr. Schon ein flüchtiger Blick auf die deutsche Auswahl zeigt, wie breit das Feld inzwischen geworden ist.
Zahlreiche seit langem etablierte Akteure bestimmen die Branche: August Schuster produziert seit 1909 in Bünde, Villiger ist seit 1910 mit einer deutschen Gesellschaft präsent und arbeitet heute unter anderem in Waldshut-Tiengen und Bünde-Dünne, Kleinlagel geht auf das Jahr 1916 zurück, und Don Stefano wurde 1993 von Steffen Rinn in der Nähe von Gießen aufgebaut. Dazu kommen Spezialisten wie Christo aus Bad Lobenstein in Thüringen. Wer über deutsche Zigarillos spricht, redet also nicht über einen einzigen Stil, sondern über mehrere Regionen und sehr verschiedene Vorstellungen davon, wie ein guter kurzer Smoke aussehen soll.
Arnold André, wie Schuster in Bünde beheimatet, präsentiert u.a. die Marken Handelsgold, Clubmaster und Vasco da Gama. Handelsgold stellt einen Klassiker, ja, eine Institution in der deutschen Tabaklandschaft dar. Die beiden anderen geben sich moderner, wobei Vasco da Gama stärker mit Würze und einem kernigeren Profil punktet.
Dannemann besetzt noch einmal ein anderes Feld. Al Capone ist als markante Linie zwischen naturbelassenen und cognac-dipped Varianten aufgestellt, Moods Zigarillos sind bei Dannemann der Dauerbrenner mit ihrer leicht fruchtig-tropischen Richtung, während die eigentlichen Dannemann Zigarillos bis heute für die traditionellen Formate des Hauses repräsentieren. Gerade diese Mischung aus unkomplizierten Alltagsprodukten, Aromatik und klassischen Formaten macht die Dannemann-Welt so prägnant: Hier gibt es keinen Einheitsbrei, sondern klar voneinander abgegrenzte Stilrichtungen.
Wer stärker in Richtung Tradition und deutscher Tabakhistorie schaut, landet fast zwangsläufig bei August Schuster. Aus diesem Umfeld stammt eine ganze Reihe verschiedener Zigarillos. Altes Handwerk steht für klassische 100%-Tabak-Zigarillos in Brasil und Sumatra, Bremer Senatoren leben sichtbar von traditionellen Mischungen und klassischen Verpackungen, Lepanto gehört seit Jahren zu den festen Namen der Schuster-Welt, und Partageno ist bis heute eine der wichtigsten Zigarillo-Marken des Hauses.
Don Stefano mit seinen vielen Serien schlägt einen breiten Bogen von maschinell gefertigten Shortfillern bis zu einzelnen Sondereditionen; besonders spannend ist Don Stefano Geudertheimer als Reminiszenz an den deutschen Tabakanbau mit Tabaken aus der Pfalz und dem Badischen. Die Original Fehlfarben spielen stark über ihr Preis-Leistungs-Verhältnis, Grand Royal bringt 100 Prozent Tabak in handliche Taschenpackungen, und die Rote Serie gehört seit Jahren zu den vertrauten Namen im deutschen Sortiment.
In dieselbe regionale Denkrichtung passt Herr Lehmann Zigarillos, wo für Einlage und Umblatt ebenfalls Geudertheimer Tabak verwendet wird. Christo geht wiederum einen ganz eigenen Weg und produziert seine Zigarillos in Bad Lobenstein im thüringischen Schiefergebirge. Das sind keine Massenmarken mit austauschbarer Geschichte, sondern Linien, die bewusst mit ihrer Herkunft und regionalem Tabak arbeiten. Gerade solche Marken machen das deutsche Segment außergewöhnlich, weil sie zeigen, dass die Kategorie höchst interessante Nischen besitzt.
Aus Baden stammt Kleinlagel, deren Welt deutlich größer ist, als man auf den ersten Blick vermutet: Das Spektrum reicht von langen, schlanken Formaten wie Atelier Long Smoke über klassische 100%-Tabak-Linien wie Amadeus, Princesse oder Colombo bis zu preisbewussten Reihen wie Fehlfarben und Sonderleistung.
Mit Villiger zeigt ein weiterer traditionsreicher Hersteller, wie breit sich das Thema auffächern lässt. Historisch sticht Villiger Kiel heraus, denn diese Marke kam schon 1907 als Zigarre mit Gänsekiel-Mundstück auf den Markt, und die deutsche Gesellschaft in Waldshut-Tiengen existiert seit 1910. Heute reichen die Stile bei Villiger vom legendären Mundstück-Charme bei Kiel und Virginias über Americanos aus brasilianischem Tabak bis zu aromatisierten Serien wie Mogador oder eher alltagsnahen Linien wie Rillos und Deutsche Jagd.
Woermann besetzt vor allem das Feld der klassischen, oft sehr vernünftig kalkulierten Formate. Unter den Namen Woermann Cigarillos 5th Generation beziehungsweise Woermann Cigars 5th Generation, Woermann Cigars Classic und Woermann Cigars Spezialitäten findet man eine Vielfalt unterschiedlichster Tabakstile. Woermann zeigt damit sehr schön, dass ein deutsches Zigarillo nicht teuer oder kompliziert sein muss, um einen eigenen Charakter zu haben.
Zigarillos aus Deutschland leben einer höchst interessanten Spannung: zwischen Tradition und Innovation, zwischen Brasil- und Sumatra-Klassik, zwischen 100 Prozent Tabak und Aromatik, zwischen regionalem Tabak und breit aufgestellten Alltagsmarken. Wer sich durch die deutschen Lande probiert, merkt schnell, dass hiesige Zigarillos keine einheitliche Geschmacksrichtung haben. Sie reichen von rustikal bis fein, von süßlich bis trocken, von der gezinkten Holzkiste bis zum Taschenetui. Genau deshalb lohnt es sich, die genannten Marken nicht nur als lange Liste zu sehen, sondern als ziemlich eigenständige kleine Landkarte deutscher Tabakkultur.